Big Data
Stefan Thurner

Big Data – Fluch, Segen oder beides zugleich?

Mit jedem Klick geben wir mehr über uns preis. Große Tech-Firmen sammeln unsere Daten, um Geld zu machen, die Wissenschaft nutzt sie, um damit die Welt zu retten. Wie das funktionieren soll, erklärt Komplexitätsforscher Stefan Thurner im Interview.

Das Internet erscheint allwissend, wovon wir zweifellos profitieren. Es sagt uns den Weg in das hippe Restaurant an, gibt Tipps, wie man ein Burnout verhindert oder schlägt Rezepte für die nächste Party vor. Aber das Internet vergisst auch nichts. Weder welche Krankheitssymptome uns beschäftigen, noch wo wir uns gerade aufhalten oder welche Artikel in unserem Warenkorb landen. Und daraus schlagen Tech-Konzerne wie Google oder Amazon Profit, erklärt der Physiker, Ökonom, Komplexitätsforscher und Leiter des Complexity Science Hubs, Stefan Thurner, im Fakt & Faktor-Interview. 

„Aus all diesen Faktoren lässt sich bis zu einem gewissen Grad ableiten, wie ein Mensch tickt und unter welchen Umständen er oder sie welche Entscheidungen trifft – und das auf einer sehr quantitativen Basis“, erklärt Thurner. Doch was bringt es Firmen, unsere Psyche zu durchleuchten und Dinge über uns in Erfahrung zu bringen, von denen nicht einmal enge Freund:innen etwas ahnen? 

Unternehmen wie Amazon oder Google nutzen unsere Daten hauptsächlich für Werbung oder kommerzielle Interessen, sagt der Komplexitätsforscher. „Wenn man weiß, wie die Psyche des Menschen funktioniert, kann man ein wenig vorhersagen, wie er oder sie auf bestimmte Stimuli reagieren wird und unter welchen Umständen welche Produkte mit einer höheren Wahrscheinlichkeit gekauft werden.“

Zeige mir, was du anklickst, und ich sage dir, was du (nicht) brauchst

Personenprofile, die anhand dieser Daten von Tech-Konzernen erstellt werden, sind daher Milliarden wert. Denn sie helfen, Menschen davon zu überzeugen, Dinge zu kaufen, die sie gar nicht brauchen oder wollen. „Viele Services von Unternehmen wie Google sind gratis – scheinbar. Tatsächlich zahlen wir aber mit unseren Daten, die natürlich wertvoller sind als das, was wir dafür bekommen.“ 

Stefan Thurner
Physiker, Ökonom, Komplexitätsforscher und Leiter des Complexity Science Hubs, Stefan Thurner.Foto: Franziska Liehl

Wobei es in Europa gar nicht erlaubt ist, derartige Profile zu erstellen. Außerdem besteht eine Hinweispflicht für Cookies. Diese nervt zwar, weil man ständig darauf aufmerksam gemacht wird, dass bestimmte Websites Cookies verwenden. Dadurch sieht man aber auch, wie viele Firmen tatsächlich die Verhaltensdaten von User:innen haben möchten und daher fragen, ob sie gewisse Dinge mitschreiben dürfen. „Zum Beispiel von welcher Webpage man hierher geleitet wurde, was man als nächstes anklickt oder wie lange man sich etwas ansieht. Aus diesen Daten kann man viel über Menschen lernen“, erklärt Stefan Thurner. 

Vor Missbrauch schützen

Aber ist es nicht egal, wenn Tech-Firmen wissen, welche Marken oder Farben man bevorzugt? Heutzutage ist es doch ohnehin kaum möglich, gar keinen elektronischen Fingerabdruck zu hinterlassen. Zum Problem wird das Ganze jedoch, wenn personenbezogene Daten genutzt werden, um, wie es etwa bei den vorletzten US-Wahlen der Fall war, Wähler:innen massiv zu beeinflussen, indem man Falschinformationen verbreitet, warnt der Komplexitätsforscher. „Das ist ein Beispiel für katastrophalen Missbrauch. Da muss man einschreiten und seine Datenschutzrechte, die wir in Europa zum Glück haben, auch einklagen können. Man sollte nicht achtlos Dinge über sich und andere preisgeben, die früher oder später gegen einen selbst oder andere verwendet werden können.“

Was passiert im Complexity Science Hub?

Der Complexity Science Hub (CSH) mit Sitz in Wien wurde 2015 von der Technischen Universität Wien, der Technischen Universität Graz, der Medizinischen Universität Wien und dem AIT Austrian Institute of Technology gegründet. Heute hat der CSC zehn Mitglieder und ist in ein internationales Netzwerk von Komplexitätsforschungszentren eingebettet, darunter auch das Santa Fe Institute in New Mexico. „Unsere Mission ist es, aus großen Datensätzen Fakten zu generieren, die direkten Nutzen stiften und deren Richtigkeit auch für andere überprüfbar ist. Wir wollen Entscheidungsträger:innen unterstützen, indem wir ihnen das richtige Werkzeug in die Hand geben, um Entscheidungen faktenbasiert treffen zu können“, sagt der Leiter des CSH, Stefan Thurner.

Mit Big Data die Welt retten?

Das alles klingt beunruhigend. Und das ist es auch. Allerdings können große Datensätze auch verwendet werden, um daraus sinnvolles Wissen zu generieren. Ja, sogar um die größten Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Wie etwa den Klimawandel, die Auswirkungen von Fake News oder unsichere Finanzmärkte. Deshalb wurde 2015 der Complexity Science Hub in Wien gegründet. 

Er wendet zwar ähnliche Methoden wie die großen Tech-Konzerne an, aber bei der Auswertung der Daten wird von Anfang an sicherstellt, dass die Anonymität der einzelnen Personen gewahrt bleibt. „Uns geht es nicht um personalisierte Werbung oder Profit, sondern beispielsweise darum, das Gesundheitssystem zu verbessern, Finanzmärkte zu stabilisieren oder Lieferketten sicherer zu machen. Hierbei nutzen wir Big Data, um aufzuzeigen, wo das System gut funktioniert, wo es inneffizient ist und wo die Schwachstellen sind.“

Blick auf die Daten statt in die Kristallkugel

Aber wie kann man sich das vorstellen? Nehmen wir als Beispiel die Finanzwelt her. Das Problem ist, dass es alle zehn bis zwanzig Jahre zu massiven Finanzkrisen kommt, die dazu führen können, dass dutzende oder sogar hunderte Banken ausfallen. Diese Konkursbanken reißen wiederum andere Banken mit und in weiterer Folge Wirtschaftsbetriebe und Staaten, wodurch am Ende viele Menschen verarmen. 

„Hier können wir mit Hilfe von Daten ein Finanzsystem digital nachbauen und verschiedene Situationen simulieren, wie etwa, was passieren würde, wenn alle Banken in Kärnten ausfallen oder wenn Russland seine Kredite nicht zurückzahlt. So können wir uns auf mögliche Situationen vorbereiten, die noch gar nicht am Horizont stehen. Und sollten diese später doch eintreten, wissen wir sofort, wie wir darauf optimal reagieren sollten“, erklärt Stefan Thurner.

Big Data – Fluch, Segen oder beides zugleich?Foto: Adobe Stock I Maria

Schneller gesund dank Big Data

Ein anderes Beispiel für den sinnvollen Umgang mit Big Data findet sich im medizinischen Bereich. Wenn man etwa eine bestimmte Krankheit hat und die typischen Krankheitsverläufe einer ganzen Bevölkerung kennt, kann man besser vorhersagen, was auf einen zukommt oder wie wirksam ein gewisses Medikament oder eine Therapie sein wird. 

„Ärztinnen und Ärzte können wiederum anhand der Daten in kürzerer Zeit viel bessere Diagnosen stellen. Und Gesundheitssysteme können, wenn man genug Daten hätte, analysiert, auf Schwachstellen überprüft und effizienter und besser gemacht werden – für alle Beteiligten“, sagt Stefan Thurner. 

Strafen in Milliardenhöhe

Wobei die Betonung hier auf „hätte“ liegt. Denn paradoxerweise haben Wissenschafter:innen, die von Tech-Konzernen wie Google oder Amazon angestellt werden, Zugang zu mehr Daten und auch mehr Möglichkeiten, als man sie normalerweise auf einer Universität hätte. „Da könnte man vieles aus ethischen Gründen nicht erforschen oder publizieren, weil wir sehr darauf achten, niemals Persönlichkeitsrechte zu verletzen.“

Allerdings hat Europa bereits – und das lässt hoffen – eine gute Datengrundschutzverordnung (DGSVO), die unter anderem regelt, welche Daten die Wissenschaft oder die Industrie verwenden darf, wie Daten gespeichert werden oder was gelöscht werden muss. Das Regelwerk gibt es also im Prinzip schon

Für die großen Tech-Firmen greife es aber noch zu kurz, findet der Komplexitätsforscher. „Die nehmen die DGSVO oft nicht ernst genug, weshalb die EU auch immer wieder Strafen in Milliardenhöhe verhängt. Mittlerweile hat sich aber in Europa quasi jede Firma, die mit Daten zu tun hat, damit auseinandergesetzt und geht weitaus bewusster und kritischer damit um, als das noch vor fünf Jahren der Fall war.“

Was ist Big Data:

Unter Big Data versteht man riesige Datenmengen, die unter anderem dadurch entstehen, dass die Daten von Online-Nutzer:innen gespeichert werden. Unternehmen verwenden sie zum Beispiel häufig für die Marktforschung, um höhere Umsätze zu erzielen. Die Auswertung der Daten spielt mittlerweile aber in fast allen Lebensbereichen eine Rolle, wie etwa in der Medizin, um neue Medikamente zu entwickeln, oder in der Klimaforschung, um Unwetter genauer vorhersagen zu können.

Credits Artikelbild: Adobe Stock | ipopba
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