Hörgerät Videokonferenz Kopfhörer

Gefahr fürs Gehör: Videokonferenzen und laute Musik

Hörgeräte haben sich zu smarten Wearables gewandelt. Mittlerweile kann man damit auch telefonieren und profitiert beim Streamen. Der Bedarf wächst – auch weil viele zu laut Musik hören.

Man kennt den Warnhinweis aus der Arzneimittelwerbung: „Über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen informieren Arzt oder Apotheker.“ Im Fall von Konzertbesuchen oder Homeoffice könnte man „und ihr Hörakustikexperte“ hinzufügen. Denn zu lauter Musikgenuss oder stundenlange Telefon- und Videokonferenzen können sich negativ auf das Gehör auswirken, warnt David Wanderer vom Hörakustikunternehmen Neuroth.

Das steirische Familienunternehmen, das kürzlich sein 115-Jahr-Jubiläum gefeiert hat, zählt europaweit zu den führenden Anbietern. In acht Ländern werden aktuell rund 1.200 Mitarbeiter:innen beschäftigt, Tendenz steigend. Denn in den kommenden Monaten will Neuroth seinen Expansionskurs vor allem in Südosteuropa fortsetzen.

Hörgeräte zur Kaiserzeit

Dort gibt es schon jetzt die größten Wachstumsraten. In den vergangenen vier Jahren hat sich die Anzahl der Neuroth-Standorte in Slowenien, Kroatien, Serbien und Bosnien fast verdoppelt. Bis Ende 2023 werden es über 40 sein. „Nach Österreich ist der südosteuropäische Raum für uns in puncto Hörgeräteverkauf bereits der zweitgrößte Markt“, ist Lukas Schinko, CEO der Neuroth-Gruppe, zufrieden.

WANN ES IM KOPFHÖRER ZU LAUT IST

  • Lärmschwerhörigkeit ist die zweithäufigste Art einer Hörminderung nach der Altersschwerhörigkeit.
  • Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) riskieren rund 1,1 Milliarden junge Menschen eine Hörminderung durch zu lautes Musikhören.
  • So hören laut Studie 23 Prozent aller Personen im Alter von 12 bis 34 Jahren mit ihren Kopfhörern regelmäßig zu laut Musik. 48 Prozent sind zudem zu hohen Lärmpegeln in Bars oder Clubs ausgesetzt.
  • 85 Dezibel ist jene Grenze, ab der Lärm für die Ohren ab einer gewissen Dauer gefährlich werden kann. Mögliche Folgen: Hörminderung, Schlaflosigkeit, hoher Blutdruck etc.
  • Hört man Musik mit einer Lautstärke von rund 105 Dezibel, liegt das für das Ohr maximal verträgliche Pensum bei lediglich 18 Minuten pro Woche.
  • Insbesondere mit In-Ear-Kopfhörern gelangt Musik vielfach mit zu hohem Schalldruck an die empfindlichen Sinneszellen im Ohr.
  • Experten raten zur 60/60-Regel: Höchstens 60 Minuten pro Tag bei nicht mehr als rund 60 Prozent der maximal möglichen Lautstärke hören. Danach sollte man den Ohren eine Pause gönnen. Das bewahrt das Gehör davor, Schaden zu nehmen.
  • „Wie bei plötzlichem, sehr lautem Schall können die feinen Haarzellen im Innenohr auch bei zu langem und zu lautem Musikhören wie Streichhölzer abknicken. Dadurch kommt es zu einer dauerhaften Hörminderung“, erklärt Neuroth-Hörakustikmeister David Wanderer.

Der heute 35-Jährige Schinko übernahm die Geschäftsführung 2011 von seiner Mutter. Er führt damit das Unternehmen in vierter Generation. Gegründet wurde es 1907 in Wien als erstes „Spezialhaus für Schwerhörigenapparate“ in der Monarchie von Paula Neuroth. Sie war selbst schwerhörig. Heute gilt es als führendes Hörakustikunternehmen Österreichs.

Hörgerät beim Streamen

Der Firmensitz wurde im Laufe der Zeit von Wien in die Oststeiermark und später nach Graz verlegt. Heute ist man in acht Ländern vertreten, erwirtschaftet rund 140 Millionen Euro Umsatz und investiert vor allem auch in Bewusstseinsbildung und Enttabuisierung. „Sieben bis zehn Jahre warten Betroffene im Schnitt, bis sie sich helfen lassen, obwohl sie bereits wissen, dass sie nicht mehr so gut hören“, zitiert Schinko hauseigene Untersuchungsergebnisse. Die Zeit sei daher reif für einen neuen positiven Umgang mit dem Thema Hörgerät.

Hörgerät Entwicklung
Hörgeräte sind individuelle Maßanfertigungen. Neuroth treibt die Entwicklung Richtung immer kleinerer und technisch ausgefeilterer Lösungen.Foto: Neuroth/Ilgner

Technisch handelt es sich längst um miniaturisierte Hightech-Wearables. Der zwanzig (!) Kilogramm schwere Tischapparat, den einst Gründerin Paula Neuroth in Verwendung hatte, ist mittlerweile zu einem rund zwei Gramm leichten Allround-Kommunikationsmittel geschrumpft, das viele smarte Funktionen aufweist. So gibt es etwa Bluetooth-fähige Geräte, die man drahtlos mit dem Smartphone, dem TV und weiteren Devices koppeln kann. Das macht ein direktes Streamen von Musik und Telefonaten ins Ohr möglich.

Hörtest mittels App am Handy

Diese technischen Quantensprünge spiegeln sich auch im Geschäftsalltag und geänderten Berufsbild wider. So betreibt Neuroth in Lebring südlich von Graz eines der größten Hörakustiklabore Europas. Dort werden mithilfe moderner 3D-Drucker und filigranen Handwerks individuelle Hörlösungen maßgefertigt. Zur besseren Kundenbetreuung hat man ein neues Jobprofil geschaffen und bildet neben Hörakustiker:innen auf dem zweiten Bildungsweg verstärkt auch eigene Hörberater:innen aus.

Neuroth Geräte Handarbeit
Am Computer entwickelt, per Hand maßgefertigt: Neuroth Geräte HandarbeitFoto: Neuroth/Ilgner

Die fünfmonatige duale Ausbildung spannt einen Bogen vom Gehörschutz bis zum Hörgerät. In den Fachinstituten reichen die vielfältigen Aufgaben dann von der laufenden Beratung und Betreuung von Kund:innen über die Durchführung von Hörchecks bis zum Terminmanagement. „Ein Hörgerät ist sehr beratungsintensiv, weil es besonders erklärungsbedürftig ist und erst seinen Zweck erfüllt, wenn es so individuell wie möglich angepasst ist“, begründet Schinko dieses Engagement.

Wohin die Reise in Sachen Kundenservice geht, zeigt eine Entwicklung des Grazer Start-ups Everlisten. Es hat eine Smartphone-App entwickelt, mit der User:innen ihre Hörfähigkeit mittels medizinisch zertifiziertem Hörtest von zu Hause aus überprüfen können. Neuroth hat – nach einer zunächst 20-Prozent-Beteiligung – das 2020 gegründete Start-up vor Kurzem komplett unter das eigene Firmendach geholt.

Credits Artikelbild: adbe stock| dusanpetkovic1
Lichtblick

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