Glasproduktion ohne Erdgas Stoelzle

Glasproduktion ohne Erdgaslieferung? „Das wäre der Todesstoß“

Die massiven Preissteigerungen bei Energie treffen auch die Glasindustrie mit voller Wucht. Der CEO der Stoelzle-Glasgruppe warnt vor einem Zusammenbrechen der gesamten Wirtschaft, sollte es zu einem Stopp der Erdgaslieferungen kommen.

Im Badezimmer oder an der Bar, in der Küche oder im Krankenhaus: Die Wahrscheinlichkeit, dass man im Laufe eines Tages mit einem Produkt der Stoelzle-Glasgruppe in Kontakt kommt, liegt bei knapp hundert Prozent. Allein im Werk im weststeirischen Köflach werden 1,5 Milliarden Flaschen pro Jahr produziert. Zu den Stoelzle-Kunden zählen unter anderem Johnnie Walker und L’Oreal. Um die Glasflaschen für die Getränkeindustrie, medizinische Labors oder Parfümhersteller produzieren zu können, braucht es zunächst Hitze. Viel Hitze. 

1.400 bis 1.600 Grad heiß wird es in den Schmelzöfen. Bis zu zwei Tage kann das Aufheizen dauern, damit das Gemisch aus Sand, Kalkstein, Soda und recycelten Scherben in den großen Schmelzwannen verflüssigt ist und die Flaschen hergestellt werden können. Bis zu 85 Prozent des Energiebedarfs in der Herstellung entfallen auf diesen Schmelzprozess. Die Energie für die Brennanlagen kommt aus Russland in Form von Erdgaslieferungen. Und da beginnt aktuell das Problem.

Erdgaslieferung: Preis vervierfacht

Denn die Preise für das russische Erdgas sind in den vergangenen Monaten dramatisch angestiegen. „Der langjährige Durchschnitt lag bei 20 bis 30 Euro pro Megawattstunde, jetzt stehen wir bei 90 bis 100 Euro“, rechnet Stoelzle-Glasgruppe-CEO Georg Feith vor. Auch der Preis für Strom hat sich zuletzt fast vervierfacht, jener für Verpackungsmaterial wie Paletten verdreifacht. „Um nicht in die Verlustzone zu rutschen, müssen wir diese Mehrkosten an unsere Kunden weitergeben.“ Deren Reaktion? „Weitestgehend Verständnis, weil sie die Ware ja brauchen und versuchen, die Mehrkosten selbst weiterzugeben.“

Georg Feith
Georg Feith, CEO der Stoelzle-Glasgruppe: Warnung vor Millionenschäden im Fall eines plötzlichen Produktionsstopps aufgrund von Erdgasengpässen.Foto: Stoelzle

Damit setzt sich eine allgemeine Verteuerungswelle in Gang, die im Fall der Glasproduktion aber nicht unterbrochen werden kann. Denn die Produktionswannen, in denen sich das geschmolzene Glas befindet, sind aus Feuerfeststeinen, die mit der Temperatur ihre Größe ändern. Auch das produzierte Glas ist sensibel. Nach dem Formungsprozess werden die Glasbehälter langsam auf Raumtemperatur abgekühlt. Während sich die Glasbehälter dann dem Ende des Produktionstunnels nähern, wird die Außenfläche mit einer Beschichtung versehen, die als Schutzschicht dient.

WAS WIRD PRODUZIERT?

  • Bei Stoelzle produziert werden unter anderem Glasverpackungen aus Braun-, Weiß- und Grünglas für pharmazeutische Primärverpackungen und den Laborbedarf.
  • Stoelzle produziert auch Miniaturflaschen für Spirituosen und Alkohol aus Klarglas, Braun- und Grünglas. Die kleinste derzeit produzierte Portionsflasche (20 ml) wiegt nur 25 Gramm. Bekannt sind Miniaturflaschen unter anderem unter den Namen Klopfer oder Hüpfer.
  • Der französische Unternehmenszweig Stoelzle Masnières Parfumerie ist seit 1818 Hersteller von luxuriösen, individuell gestalteten Parfümflakons und anderen Kosmetikglasverpackungen.
  • Bei Stoelzle Lausitz werden hochwertige Trinkgläser gefertigt. Das Unternehmen zählt zu den wenigen Herstellern, die maschinell gezogene Stilgläser fertigen, und beliefert Hotels, Restaurants, Weingüter wie auch EndverbraucherInnen in über 120 Ländern weltweit.

Ein komplexer Vorgang. „Wenn man das abstellt, steht der Betrieb über Monate – wenn wir überhaupt wieder aufsperren können“, warnt Feith. Passiert nämlich beispielsweise das Niederfahren der Schmelzwannen nicht langsam über Wochen, geht die Wanne kaputt – „und man hat einen Millionenschaden“ (Feith). So eine Wanne kostet zwischen zehn und fünfzehn Millionen Euro.

Drohendes Aus für österreichischen Standort

Deshalb sind zwischenzeitliche Betriebsabschaltungen in der Glasindustrie nicht möglich und gleichzeitig eine stabile Erdgasversorgung so wichtig, betont Feith. Eine Ausweitung der Sanktionen gegen Russland auf ein Embargo für Gaslieferungen hätte dramatische Folgen. „Das wäre der Todesstoß für die österreichische Wirtschaft.“ Da 80 Prozent der heimischen Erdgasimporte aus Russland kommen, würde bei einem Lieferausfall „die gesamte Wertschöpfungskette mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammenbrechen“. Es gäbe dann kein Papier, kein Glas, keinen Karton, keinen Stahl, aber auch keinen Zucker, keine Margarine oder andere Lebensmittel aus energieintensiver Produktion mehr.

„Bei einem Lieferausfall würde die gesamte Wertschöpfungskette mit atemberaubender Geschwindigkeit zusammenbrechen.“

Georg Feith, CEO Stoelzle Glasgruppe

Feith wird deutlich: „Wer sagt, es gibt hier einen Weg heraus ohne Gaslieferungen, der versteht die österreichische Industrie nicht. Es gibt beispielsweise für unsere Glasflaschen keine Alternativen – im Lebensmittelbereich nicht, in der Pharmaindustrie nicht.“ Eine Fortführung des Betriebs an den Standorten in den USA, England und Frankreich sei aufgrund anderer Energieversorgungssituationen möglich, für die Werke in Österreich, Tschechien und Polen würde es aber wohl das Aus bedeuten.

Forschung an umweltfreundlicheren Prozessen

Verschärft wird die Situation durch empfindlich verteuerte CO2-Zertifikate. Die energieintensive Industrie muss sie im Zuge der Klimaschutzmaßnahmen der EU („Green Deal“) teilweise zukaufen. „Der Preis für diese Zertifikate ist durch Spekulationen und Verknappung von 25 Euro vor einem Jahr auf jetzt über 80 Euro gestiegen“, rechnet Feith vor. „Wenn sich der Gaspreis jetzt – und das nur in Europa – vervielfacht, ist der Druck ohnehin schon sehr hoch.“

Um Emissionen und Energie, Rohstoffe und damit Kosten zu sparen, wird daher – unabhängig von aktuellen Kriegsereignissen – bei Stoelzle schon lange intensiv an neuen, umweltfreundlicheren Technologien und Prozessen geforscht. So wird im Rahmen des Projekts „ZeroCO2Glas“ an der Entwicklung einer neuartigen Glasschmelzwanne gearbeitet. Mit ihr lässt sich Glas für die Behälterproduktion CO2-neutral und mit deutlicher Energieeinsparung produzieren.

Scherben als Rohstoff

Außerdem wird der während der Produktion für sogenanntes Behälterglas (kleine Flaschen für die Pharma- und Kosmetikindustrie) anfallende Ausschuss gleich wieder eingeschmolzen. Dazu kommen „Fremdscherben“ aus der konventionellen Haushaltsaltglassammlung, wobei es bei deren Wiederverwertung auf die Qualität der Scherben ankommt. Der Verunreinigungsgrad darf nicht zu hoch sein.

Durch die Beimischung von Altglaskomponenten in den Rohstoffmix sinkt jedenfalls der Energiebedarf beim Schmelzen und in weiterer Folge auch der CO2-Ausstoß. Je Prozent Scherbenanteil sind es 0,25 Prozent weniger Energie. In der Produktion in Köflach beträgt der Fremdscherbenanteil 17 Prozent – Tendenz steigend. Flachglas (Fenster, Scheinwerfer, Spiegel, PV-Module etc.) kann bei diesem Recyclingprozess übrigens nur in sehr geringen Mengen eingesetzt werden, weil es eine andere chemische Zusammensetzung hat.

GUT ZU WISSEN

  • 1805 wurde in Bärnbach in der Weststeiermark die erste Glashütte gegründet. Als ehemalige Flachglashütte produziert Stoelzle heute Verpackungsgläser für die Geschäftsfelder Pharma und Consumer.
  • Das Unternehmen ist seit 1987 Teil der CAG Holding von Cornelius Grupp. Neben dem Werk in Österreich betreibt die heutige Glasgruppe auch Standorte in Deutschland, Tschechien, England und Polen.
  • Im Jahr 2021 wurde das Unternehmen um einen Produktionsstandort in den USA erweitert.
  • Aktuell beschäftigt man insgesamt rund 3.100 MitarbeiterInnen (450 davon in Österreich) und erwirtschaftet einen Umsatz von 345 Millionen Euro.
Credits Artikelbild: Stoelzle
Lichtblick

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