Ukraine

Ukraine: Wie der Krieg den Wirtschafts- und Industriestandort trifft

Die heimische Industrie steht trotz teils empfindlicher Auswirkungen auf das eigene Geschäft hinter den Sanktionen gegenüber Russland. Die aktuelle Krise beschleunigt aber ein Umdenken, um die Abhängigkeit Europas von russischem Gas mittel- bis langfristig zu reduzieren.

Mit scharfen Sanktionen reagieren die wesentlichen Wirtschaftsmächte auf die militärische Aggression Russlands gegenüber der Ukraine. Die Maßnahmen haben umgekehrt aber auch Auswirkungen auf die europäische und damit österreichische Wirtschaft, die beispielsweise von den Gaslieferungen aus Russland abhängig ist. „Aber hier geht es um etwas Größeres, nämlich um die Menschen, die unter dem Krieg in der Ukraine leiden“, begründet der Präsident der Industriellenvereinigung, Georg Knill, die Bereitschaft der Unternehmen, diesen europäischen Weg der Solidarität mit der Ukraine mitzugehen. „Auch, wenn diese Maßnahmen sehr schmerzhaft für viele Unternehmen sind“, so Knill.

Tatsächlich sind die Verbindungen der heimischen Wirtschaft in die aktuelle Krisenregion historisch gewachsen und intensiv. Sowohl mit der Ukraine, vor allem aber mit Russland gibt es intensive Wirtschaftsbeziehungen. Russland ist mit einem Volumen von 21,4 Milliarden Euro nach Deutschland zweitwichtigster ausländischer Investor in Österreich. 650 Niederlassungen österreichischer Unternehmen in Russland stehen 500 russische in Österreich gegenüber.

Ukraine: Russische Wirtschaft vor Talfahrt 

Das Exportvolumen nach Russland betrug im Jahr 2020 rund 2,12 Milliarden Euro (vor allem Maschinen und Anlagen, Pharmaprodukte und Lebensmittel). Importiert wurden umgekehrt Waren im Wert von 2,17 Milliarden Euro – das meiste davon in Form von Erdöl, vor allem aber Erdgas. 70 Prozent der gesamten österreichischen Erdgasimporte und zehn Prozent der Erdölimporte kommen aus Russland. Kurz- und mittelfristig wird der steigende Gaspreis wohl auch die Inflation anheizen, glaubt Michael Löwy, Experte für internationale Wirtschaftsbeziehungen.

Das Ziel der Sanktionen – die russische Wirtschaft mehr oder weniger lahmzulegen – dürfte jedoch erreicht werden. Der russischen Wirtschaft steht laut Ökonomen wegen der westlichen Sanktionen infolge des Ukraine-Krieges ein massiver Einbruch bevor. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte im zweiten Quartal um 20 Prozent fallen, geht aus einer Analyse der US-Großbank JPMorgan sechs Tage nach Kriegsbeginn hervor. Mit weiteren Verschärfungen der Sanktionen werden aber auch diese Prognosen wohl revidiert werden.

 „China kann nicht alles ausgleichen“

„Russland hat zwar nach den bereits seit 2014 geltenden westlichen Sanktionen in manchen Sektoren eigene Kapazitäten aufgebaut“, sagt Löwy. Zudem hätten sich die Wirtschaftsbeziehungen zu China intensiviert. „Da gibt es einen Schulterschluss, aber auch viele historische Konfliktfelder, und sämtliche Verluste sind durch China sicher nicht auszugleichen“, so der Analyst. Dazu kommen der Ausschluss russischer Banken vom internationalen Zahlungsnetzwerk Swift, das Einfrieren der Devisenreserven der Zentralbank und massive Exportbeschränkungen. Diese politische und wirtschaftliche Isolation schadet Russlands Wirtschaft nachhaltig. Sie wird sich zurückentwickeln.

Berechnet man die Auswirkungen der Sanktionen auf das österreichische Bruttoinlandsprodukt, erscheinen sie zunächst verkraftbar. Demnach führe ein Totalausfall bei den Exporten nach Russland und in die Ukraine hierzulande zu einem BIP-Einbruch von maximal 0,45 Prozent oder 1,8 Milliarden Euro. Die BIP-Wachstumserwartung für 2022, die im Jänner bei 4,25 Prozent lag, könnte sich durch den Krieg demnach auf rund 3,80 Prozent abschwächen. „Relativ überschaubar“, beruhigt Knill – nicht ohne aber vor teils massiven Betroffenheiten einzelner Unternehmen und den allgemeinen Folgewirkungen zu warnen.

Was, wenn Energiequellen ausfallen? 

Denn die Abhängigkeit ist evident – jene von Russland, wenn es um die Einnahmen aus den lukrativen Energieexporten geht, jene von Österreich in puncto Erdgas- und Erdöllieferungen. „Das können wir nicht einfach von heute auf morgen ersetzen“, warnt Knill. Wichtig sei daher, dass kurzfristige Gaslieferungen aufrecht bleiben müssten. Österreich brauche diesen Energieträger, um Produktion, Beschäftigung und Wohlstand zu sichern. Von Engpässen in der Energiebereitstellung betroffen wäre demnach vor allem die energieintensive Industrie, beispielsweise in den Bereichen Stahl, Zement oder Papier. 

Das hätte weitreichende Folgen, hängen daran doch allein in Österreich zum einen direkt rund 150.000 Arbeitsplätze. Zum anderen würde bei einem Ausfall der Stahlindustrie auch die Autoindustrie und der Anlagenbau einbrechen. Gäbe es kein Papier, würden Pharmaprodukte oder Lebensmittel nicht verpackt werden können. Und bei einem Ausfall der Zementindustrie käme es zu gravierenden Ausfällen in der Bauwirtschaft, skizziert der IV-Präsident die kaskadenhaften Kollateralschäden.

Lieferkettenlücken werden größer 

Auch die von den Folgen der Corona-Pandemie noch virulente Lieferkettenproblematik verschärft sich. So fallen aufgrund der gegenseitigen Luftraumsperren in der Luftfracht die aus dem EU-Luftraum verbannten russischen Gesellschaften aus. Parallel können die westlichen Airlines den Luftraum über dem größten Staat der Erde nicht mehr nutzen. Flüge aus Mitteleuropa nach Japan, Korea und China verlängern sich teils um mehrere Stunden und können bis zu 20 Prozent weniger Fracht mitnehmen. „Die Wege nach Asien werden länger, die Kerosinkosten steigen und die Kapazitäten sinken“, sagt der Frankfurter Frachtexperte Joachim von Winning. Die ohnehin schon sehr hohen Frachtkosten werden angesichts der aktuellen Krise weiter steigen.

Löwy rät vor diesem unsicheren Hintergrund daher österreichischen Unternehmen, ihre Lieferketten und Zahlungsströme zu überprüfen. Denn die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland und der Ukraine werden wohl nachhaltig schwächer werden.

Credits Artikelbild: adobe stock | cristianstorto
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