Früchteküche Unterweger

In der Früchteküche sind Männer Mangelware

Im Industrieunternehmen Unterweger Früchteküche hatten von Beginn an Frauen das Sagen. Seit 2010 steht mit Michaela Hysek-Unterweger auch laut Firmenbuch eine Frau an der Spitze. Und sie steht vor durchaus überraschenden Herausforderungen.

Bei manchen steht es von Anfang an fest: Noch nicht einmal den Windeln entwachsen, werden sie schon als potenzielle Nachfolger oder Nachfolgerinnen im Familienunternehmen gehandelt. Michaela Hysek-Unterweger zählt nicht zu diesen Menschen. Die Frage, ob sie die Unterweger Früchteküche GmbH von ihrem Vater und dessen Cousin übernehmen werde, stellte sich für sie zunächst nicht. Sie zog es vor, nach der HAK-Matura ein Jahr in Verona zu verbringen. Dort lockte ein Medizintechnik-Konzern.

Doch: Sie kehrte nach Österreich zurück und studierte in Wien Internationale Betriebswirtschaftslehre – und schlug schlussendlich doch den Weg Richtung Familienunternehmen ein. „Ich habe nach dem Studium in der Unternehmensberatung mit Schwerpunkt Tourismus begonnen und hatte schon ein anderes spannendes Angebot in Wien“, erinnert sie sich. „Aber mir war auch klar, dass ich es eines Tages bereuen würde, wenn ich die Übernahme nicht wenigstens probiert hätte.“ Allerdings stellte sie eine Bedingung: „Ich wollte in den Bereichen, die ich verantworte, freie Hand haben.“ Deal!

Die neue Etikette

Eine der ersten Handlungen der jungen Unternehmerin war damals das „Pimpen“ der Etiketten. „Unsere Etiketten waren bei meinem Einstieg ins Unternehmen ‚altvaterisch‘. Das wollte ich unbedingt ändern. Und im Zuge einer Agenturpräsentation ist schnell klar geworden, dass wir uns mit durchsichtigen Etiketten am stärksten von den anderen unterscheiden. Und sie haben mir auch von Anfang an besonders gut gefallen. Es passt zu uns, dass wir den Inhalt herzeigen, denn wir wollen an der Qualität gemessen werden.“ Transparenz in allen Ebenen als Schlüssel zum Erfolg? „Ja“, sagt die Tirolerin.

Unterweger Früchteküche
Michaela Hysek-Unterweger ist die erste Frau an der Spitze des Famlienunternehmens „Unterweger Früchteküche“. Foto: Unterweger Früchteküche

Der bittere Nachgeschmack der Pandemie

Rund 4.500 Tonnen Obst verarbeitet das Familienunternehmen inzwischen pro Jahr an seinen Standorten in der Osttiroler Gemeinde Assling und im burgenländischen Kittsee. Daraus werden Konfitüren, Fruchtaufstriche, Marmeladen oder Sirupe. Hauptabnehmer sind Bäckereien, Konditoreien sowie die Backindustrie, aber auch die Gastronomie und Hotellerie oder Heime und Krankenhäuser. „Diese Gruppe ist für uns durch die Pandemie fast komplett ausgefallen“, seufzt Hysek-Unterweger. „Nur Heime und Krankenhäuser sind geblieben. Konditoren hat es auch hart getroffen, weil ohne Feste auch weniger Torten gebraucht werden, und auch die Faschingskrapfen sind zurückgegangen,“ so die vorläufige Pandemie-Bilanz der Unternehmerin.

Alles Marmelade?

Denn: Während die Menschen im Homeoffice wie wild Chips verdrückten, blieb offenbar der Heißhunger auf süße Marmeladebrote aus. Wobei auch in normalen Zeiten sich nur die wenigsten tatsächlich Marmelade aufs Frühstücksbrot streichen – doch das hat eher war mit einer sprachlichen Spitzfindigkeit als mit heiklen Feinspitzen zu tun: „Es ist so, wie es manche im Englischunterricht gelernt haben“, schmunzelt die Expertin. „Marmelade“ ist nur aus Zitrusfrüchten, also meistens aus Orangen. „Alles andere ist Konfitüre oder ein Fruchtaufstrich. Konfitüre ist genau definiert, was den Frucht- und Zuckergehalt angeht. Was davon abweicht, muss anders genannt werden.“

Die „Marillen-Affäre“

Kurzer Blick über den Frühstückstellerrand: Diese Verordnung, die von der EU erlassen wurde, schmeckte einem Wirt aus der Wachau ganz und gar nicht. Er weigerte sich, seine Marillenmarmelade „Konfitüre“ zu nennen. Und wer kann es ihm verübeln? Was folgte, waren Bürgerproteste und letztendlich eine Änderung der Vorschriften: Seit 2003 gilt die Bezeichnung Marillenkonfitüre zwar nach wie vor für Produkte, die im Supermarkt oder im Exporthandel erhältlich sind, nicht aber für jene, die auf Bauern- oder Wochenmärkten zum Verkauf stehen. Dort darf man immer noch Marmelade sagen.

„Vermutlich ist das einer der erfolgreichsten technischen Lehrberufe bei Frauen“

All diese Aspekte haben in der Unterweger Früchteküche eher für Schulterzucken gesorgt. Hier setzt man schließlich entspannt auf das Fundament der Familientraditionen und blickt gleichzeitig besonnen in die Zukunft. Deshalb stellt Michaela Hysek-Unterweger regelmäßig Lehrlinge für den noch recht jungen Lehrberuf „Lebensmitteltechniker/in“ ein.

Wir haben im Unternehmen einen sehr hohen Frauenanteil, er liegt bei über 70 %.

Michaela Hysek-Unterweger, Geschäftsführerin der Unterweger Früchteküche

Probleme, junge Frauen für diesen technischen Beruf zu begeistern, hat Michaela Hysek-Unterweger übrigens keine: „Tatsächlich versuche ich eher, den Männeranteil ein bisschen zu heben. Denn wir haben im Unternehmen einen sehr hohen Frauenanteil, er liegt bei über 70 %. Und es bewerben sich immer mehr Frauen als Männer bei uns. Auch im Lehrberuf haben wir fast ausschließlich Frauen. Vermutlich ist das einer der erfolgreichsten technischen Lehrberufe bei Frauen. Und das ist auch gut so!“

Familienfreundliche Teilzeitmodelle

Als Geschäftsführerin und zweifache Mutter weiß Michaela Hysek-Unterweger, wie schwer es für Frauen ist, Familie und Beruf zu vereinbaren, und hat daher verschiedene Teilzeitmodelle im Unternehmen umgesetzt. „In der Produktion sind wir draufgekommen, dass es für beide Seiten am besten ist, wenn unsere Mitarbeiterinnen ganze Tage arbeiten. Also zum Beispiel nur Montag oder Dienstag und Donnerstag. In Osttirol ist die Familienanbindung meistens stark, da springen dann an diesen Tagen Großeltern oder Tanten und Onkel ein.“

Mehr als 90 Marillenrezepturen

Apropos Produktion: Wenn es ums Einkochen geht, ist die Marille der Ferrari unter den Früchten. Allein für diese Obstsorte gibt es im Unternehmen mehr als 90 Rezepturen. „Die Unterschiede kommen von der Anwendung, vom Fruchtanteil und von geschmacklichen Vorlieben“, erklärt Michaela Hysek-Unterweger und kommt sogleich ins Fachsimpeln: „Wir unterscheiden Konfitüren mit 45 und 55 % Fruchtanteil, Fruchtaufstriche mit 60 % in Bioqualität und in 70 % als zuckerreduzierte Variante. Wir haben eine Konfitüre mit ausschließlich österreichischen Früchten. Dann gibt es Röster, Kompott und Fruchtfüllungen in unterschiedlichsten Varianten. Gerade beim Füllen von Faschingskrapfen kommt es auch noch auf die Füllmaschine an. Jede Düse braucht eine andere Konsistenz …“

Unterweger Früchteküche
Die Produktpalette von „Unterweger Früchteküche“ reicht von Fruchtaufstrichen über Konfitüren bis hin zu verschiedenen Fruchtsirupen und Röster.Foto: Unterweger Früchteküche

Aber Achtung, Spielverderber: In diesem Jahr dürfte die Marillenernte nämlich besonders schlecht ausfallen. In ganz Europa beklagen LandwirtInnen Ausfälle durch Frost und Hagel. ExpertInnen rechnen sogar damit, dass es heuer vor allem in Italien, Spanien, Griechenland und Frankreich so wenige Marillen geben könnte wie zuletzt vor 23 Jahren.

Zurück zu den Wurzeln

An neuen Rezepturen wird aber freilich trotzdem getüftelt. Und zwar überall. „Wir probieren viel aus, gerade auf Reisen – wenn wir wieder dürfen –, und entwickeln dann selbst Ideen daraus. Das Schöne an unserem Produkt ist übrigens, dass es uns an unsere Wurzeln zurückführt: Vor 90 Jahren hat mein Großvater mit seinem Bruder unsere Firma gegründet“, erinnert sich die Firmenchefin. Als Spin-off aus der ersten Tiroler Latschenölbrennerei heraus. „Dieses Unternehmen ist immer noch unser Nachbar, und von dort beziehen wir auch die ätherischen Öle, die wir brauchen.“

Aber wohin geht nun die Reise? „Wie vermutlich viele will ich, sobald es geht, endlich wieder ans Meer“, lacht Michaela Hysek-Unterweger. Dann wird sie aber ernst: „Wir planen keine Riesensprünge. Dafür sind wir zu klein. Aber wir möchten konstant weiterwachsen. Da und dort neue Märkte erobern.“ Wie das konkret klappen soll? Das bleibt ihr Familiengeheimnis.

Über die Unterweger Früchteküche:

  • 1931 gründeten Ignaz und Josef Unterweger die Firma Brüder Unterweger Obstveredelung.
  • 1961 wurde das Unternehmen um eine Produktionsstätte in Kittsee, Burgenland, erweitert.
  • 2010 übernahm Michaela Hysek-Unterweger die Geschäftsführung.
  • Am Standort in Osttirol sind 50 MitarbeiterInnen beschäftigt und in Kittsee, je nach Saison, drei bis 20 MitarbeiterInnen.
  • Rund 60 % der österreichischen Faschingskrapfen sind mit Marillenkonfitüre aus der Unterweger Früchteküche gefüllt.
Lichtblick

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