Holzdiesel Tankstelle im Wald

Zum Tanken in den Wald: Diesel aus Holz

Österreich ist zur Hälfte mit Wald bedeckt. Aus dem vorhandenen Holz lässt sich auch Treibstoff und Erdgasersatz erzeugen. Die weltweit erste Forschungsanlage für Holzdiesel steht in Wien.

Treibstoff, der nicht mehr aus Erdölfeldern aus der Wüste stammt, sondern aus den Wäldern Österreichs? Keine Utopie. Die Wiener Linien testen aktuell einen Bus, dessen Tankfüllung zum Teil aus synthetischem Rohöl generiert wird. Als Rohstoff kommt dabei Hackgut aus dem Wald zum Einsatz.

Produziert wird der Holzdiesel in der Forschungsanlage in Wien-Simmering. Es ist die weltweit erste Anlage dieser Art. Waldhackgut, Abfälle und Reststoffe – wie etwa Holzabfälle, Klärschlamm oder Rückstände der Papierindustrie – werden zunächst in Synthesegas umgewandelt. Dieses Gas wird gereinigt und in weiterer Folge daraus unter anderem synthetisches Rohöl erzeugt, das dann zu erneuerbarem und CO2-neutralem Diesel veredelt wird.

Holzdiesel spart Millionen Tonnen CO2

Das „grüne“ Potenzial ist groß. So kann laut einer Studie von Joanneum Research durch Holzdiesel der CO2-Ausstoß im Vergleich zu fossilem Diesel um bis zu 90 Prozent reduziert werden. Je nach Mischungsverhältnis tankt man also deutlich klimaschonender als an einer konventionellen Tankstelle. Im Zuge der Tests bei den Wiener Linien läuft der Bus auf einem Rollenprüfstand mit einem Treibstoffmix. Herkömmlichem Diesel wird stufenweise zunächst 15, dann 25 Prozent des synthetischen Diesels beigemischt.

Waste2Value-Anlage-Simmeringer-Haide
In der Waste2Value-Anlage auf der Simmeringer Haide werden Reststoffe zu Treibstoffen veredelt – auch für die Produktion von Holzdiesel.Foto: Wien Energie

Lieferengpässe gibt es beim Holzdiesel keine. Mit einer Leistung von einem Megawatt ist die Pilotanlage am Stadtrand von Wien bereits in einem industrienahen Maßstab gebaut – also im letzten Stadium vor einer Großanlage im Realbetrieb. Künftig könnte eine solche Anlage im Industriemaßstab bis zu zehn Millionen Liter grünen Treibstoff pro Jahr erzeugen und damit bis zu 30.000 Tonnen fossiles CO2 einsparen. Würde man eine 100-Megawatt-starke Anlage realisieren, ergeben sich Holzdieselproduktionskosten von 1,15 bis 1,40 Euro pro Liter, rechnen die Projektbetreiber vor.

Ringstraße mit Holz beleuchtet

Den Rahmen für diese „grüne Treibstoffrevolution“ liefert das Forschungsprojekt „Waste2Value“. Neben der Wien Energie und den Wiener Linien sind die Bundesforste, die Laakirchen Papier AG und die OMV am Projekt beteiligt. Wissenschaftliche Partner sind die Technische Universität Wien und die Lulea University of Technology in Schweden.

Wobei: So neu ist die Idee eigentlich gar nicht. Die Methode der Holzvergasung wurde schon vor mehr als 200 Jahren erfunden. 1786 präsentierte der französische Ingenieur Philipp Lebon die Effekte der Holzdestillation. Die Erfindung sollte die Straßenbeleuchtung in den europäischen Städten revolutionieren. Tatsächliche wurden 1899 die Laternen auf der Wiener Ringstraße erstmals mit durch Kohlevergasung hergestelltem Gas beleuchtet, das in Gasometern gespeichert wurde.

Treibstoff für Flugzeuge

Im Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschland sogar Autos mit Holzvergasern, die mit Brennholz befüllt wurden. Knapp 80 Jahre später hat der Treibstoff seinen Weg in Wiener Linienbusse gefunden – dank innovativer Unternehmen und Forscher:innen, die seit der Jahrtausendwende die Technologie nochmals maßgeblich vorangetrieben haben. 

Lag der Fokus bei dieser Art von Holznutzung zunächst auf Strom und Wärme, gehört inzwischen auch die Produktion von Wasserstoff, Synthetischem Erdgas (SNG), Diesel oder Kerosin zu den vielfältigen Anwendungen. So könnten nachhaltige Treibstoffe für Bereiche bereitgestellt werden, in denen beispielsweise Batterien nur schwer zum Einsatz kommen können, etwa für die Landwirtschaft oder den Flugverkehr.

Kreislauf: Holzdiesel für Forstwirtschaft

Das Holz dafür ist vorhanden. Das Holzvolumen in Österreichs Wäldern ist seit 1970 um über 40 Prozent angewachsen. Es wird noch immer weniger Holz genutzt als zuwächst. Denn trotz steigender Nutzung von Holzheizungen sowie Biomasse-Nah- und -Fernwärme nimmt der Energieholzeinsatz in der Raumwärme langfristig ab. Dadurch werden Ressourcen für andere Anwendungen frei. Dazu kommt ein enormes Überangebot an minderwertigem Holz durch Borkenkäferbefall, Waldumbau zu Mischwäldern oder Anfall von Holzreststoffen in der Forst- und Holzwirtschaft infolge forcierten Holzbaus.

Laut Österreichischem Biomasse-Verband wäre so mit dem nachhaltig verfügbaren Bioenergiepotenzial der komplette Umstieg der Land- und Forstwirtschaft auf Holzdiesel möglich. Gleiches gilt für den Betrieb sämtlicher Gaskraftwerke und Gaskraftwärmekopplungsanlagen mit eingespeistem Holzgas (SNG). Im Winter, wenn Österreich zu einem Großteil von fossiler Stromerzeugung und Stromimporten abhängig ist, könnte der Einsatz von Holzgas in Gaskraftwerken damit einen wichtigen Beitrag zur Schließung der Winterstromlücke leisten.

GUT ZU WISSEN

  • Die Waldfläche in Österreich nimmt weiter zu und beträgt mehr als vier Millionen Hektar. Das entspricht 47,9 Prozent der Staatsfläche Österreichs.
  • In den letzten zehn Jahren hat die Waldfläche täglich um sechs Hektar zugenommen. Die Waldfläche vergrößert sich vor allem in den gebirgigen Regionen im Westen Österreichs.
Credits Artikelbild: adobe stock | eric
Lichtblick

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