Die steigenden Energiepreise lassen in der Wirtschaft die Alarmglocken schrillen. Investitionen werden zurückgehalten, es wird an Abwanderung gedacht und nach staatlicher Unterstützung gerufen.
Massiv gestiegene Kosten für Heizung, Strom und Treibstoff: Die explodierenden Energiekosten sind mittlerweile auch in den Privathaushalten spürbar. Laut Energiepreisindex der Österreichischen Energieagentur (EPI) liegen sie um 24 Prozent über dem Vorjahresniveau – und bleiben damit auch ein zentraler Treiber der Inflation. Allein beim Erdgas betrug der Preisanstieg binnen Jahresfrist fast 28 Prozent. Strom wurde um 12,4 Prozent teurer. Aber auch bei Holzpellets (plus 10,6 Prozent) und Brennholz (plus 9,7 Prozent) müssen Haushalte tiefer in die Tasche greifen.
Noch dramatischer stellt sich die Lage für Unternehmen dar. Branchenübergreifend verzeichnet jeder zweite österreichische Betrieb im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 Kostensteigerungen bei Gas. Bei rund neun Prozent der Betriebe haben sich die Gaskosten zumindest verdoppelt, heißt es in einer aktuellen Umfrage des Energieinstituts der Wirtschaft (EIW). Für die Versorgung mit Strom geben sogar 72 Prozent Kostensteigerungen an, bei 22 Prozent kam es zur Verdoppelung oder einem noch größeren Anstieg.
Energiepreise: Standort nicht mehr lange tragbar
So meldet das Grazer Stahl- und Walzwerk Marienhütte eine Verdrei- bis Vervierfachung des Energiepreises. „Ein Mehraufwand von 70 bis 100 Euro pro Tonne kann bei einem Preis von 800 Euro schon relativ stark ins Gewicht fallen“, rechnet Geschäftsführer Markus Ritter vor. „Bleiben die Preise für Strom und Gas auf diesem Niveau, sind Geschäftsmodelle mit hohem Energieverbrauch in der Industrie am heimischen Standort nicht mehr lange tragbar“, warnte zuletzt Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der Industriellenvereinigung (IV) Oberösterreich.
Tatsächlich belasten die massiven Kostensteigerungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Industrie stark, bestätigt Thomas Salzer, Chef der Salzer Gruppe (Papier, Formtech) aus St. Pölten und IV-Präsident aus Niederösterreich: „Wir brauchen dringend Entlastungen, um zu verhindern, dass der Standort Österreich auf Dauer unattraktiv wird.“ Betroffen sind vor allem die Bereiche Stahl und Nichteisen-Metalle, Chemie, Papier, Glas und Stein/Keramik. Produktionen werden aufgrund des Kostendrucks zurückgefahren, Standortverlagerungen – und damit Arbeitsplatzverluste – stehen im Raum.
„Verzögerungstaktik fällt uns auf den Kopf“
Allein die Strompreise im Großhandel haben sich in den vergangenen fünf Jahren (ohne Netzkosten) verdreifacht. Die Gründe für die Strompreis-Rallye sind vielfältig. Zum einen wäre da die zu schwache inländische Eigenversorgung. „Uns fällt auf den Kopf, dass es über Jahrzehnte eine Verzögerungs- beziehungsweise Hinhaltetaktik seitens der Politik gab, um heimische erneuerbare Energieträger hinreichend auszubauen“, analysiert IV-Chefökonom Christian Helmenstein. Zum anderen ist der Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie spürbar beziehungsweise gelangt der aus Windenergie erzeugte Strom aus Deutschland aufgrund fehlender Leitungsinfrastruktur nicht nach Österreich.

Dazu kommt, dass jene Kraftwerke, die aktuell den Strompreis bestimmen, Gaskraftwerke sind. Dort spürt man allerdings den hohen und ebenfalls anhaltend steigenden Gaspreis. Innerhalb weniger Monate versiebenfachte sich der Großhandelspreis für Erdgas sogar im Jahresvergleich und stieg damit auf ein historisches Allzeithoch. Auslöser waren nicht zuletzt die Ukraine-Krise und die damit verbundenen deutlich reduzierten Gaslieferungen aus Russland. Dazu kommt der rasante Anstieg der CO2-Kosten, der erstmals spürbar wird. Es wird nämlich für Kraftwerksbetreiber immer rentabler, Strom nicht aus Kohle, sondern aus Gas zu erzeugen. Das treibt die Gasnachfrage und damit den Energiepreis allerdings weiter in die Höhe.
Unternehmen fordern Strompreiskompensation
Das hat wiederum direkte Auswirkungen auf das tägliche Geschäft und schlägt in weiterer Folge auf das Investitionsverhalten der Betriebe durch. 40 Prozent der Unternehmen bestätigen in einer aktuellen Umfrage negative Auswirkungen auf ihre Investitionstätigkeit im Kerngeschäft, in der energieintensiven Industrie sind es sogar knapp die Hälfte. Auch Investitionen in Forschung und Entwicklung sind betroffen. Rund ein Drittel denkt an einen Aufschub der entsprechenden Ausgaben.
Aufgrund dieser dramatischen Entwicklung wird der Ruf nach staatlichen Hilfsmaßnahmen lauter. Eine beschleunigte und erhöhte Rückzahlung von Energiesteuern und -abgaben wurde zwar kürzlich von der Regierung in Aussicht gestellt, konkret fordern Unternehmen aber eine Strompreiskompensation. Dabei handelt es sich um eine Beihilfe für stromintensive Unternehmen zur Kompensation indirekter CO2-Kosten.
Derartige Unterstützungsmaßnahmen sind seitens der EU genehmigt und stehen den Mitgliedsstaaten schon seit vielen Jahren zur Verfügung. Zahlreiche Staaten, darunter Deutschland und Italien, machen bereits Gebrauch davon. In Österreich gibt es das noch nicht – was die heimischen Unternehmen nicht nur im transeuropäischen Wettbewerb, sondern sogar innerhalb der EU benachteiligt. „Das Problem ist, dass uns die Zeit davonläuft“, schlägt IV-Präsident Georg Knill Alarm. „Viele Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand.“