Metall Radkersburger

Metall fürs All: Vom Kochtopf bis zum Satelliten

Im südöstlichsten Winkel der Steiermark wird Metall verarbeitet, das unter anderem in der Raumfahrt und in Luxusautos zum Einsatz kommt.

Was haben Porsche, Bentley, Tesla, Operationssäle, Zugwaggons und Satelliten gemeinsam? In allen stecken Metallteile aus der Südoststeiermark. Gefertigt werden sie beim Industrieunternehmen Radkersburger Metal Forming, das diesbezüglich als europaweit gefragter Spezialist gilt.

Begonnen hat die Geschichte des 1954 gegründeten Betriebs aber mit Kochtöpfen. Die Produktion von Aluminiumgeschirr war ein einträgliches Geschäft – bis die übermächtige Billigkonkurrenz aus Asien und ein sich ändernder Lebensstil ein Umdenken erforderlich machte.

Metall wird gedrückt und gezogen

So gehören neben Drehen, Fräsen, Schweißen, Schleifen und Polieren heute vor allem die Metallumformtechniken wie das sogenannte Tiefziehen und Metalldrücken zu den Kernkompetenzen. Metalldrücken, Tiefziehen? Das klingt nach roher Muskelkraft. Und ein wenig nach Mittelalter – führt aber auf die falsche Fährte.

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Metallverarbeitung beginnt am Bildschirm: Präzise Planung und fundiertes Fachwissen sind für die Produktion der komplexen Komponenten notwendig.Foto: RMF

Der konkrete Arbeitsprozess folgt zwar tradierten Abläufen und „ewig gültigen“ physikalischen Prinzipien, zum Einsatz kommen aber längst computergesteuerte Maschinen. Grundsätzlich gilt, dass beim Drücken und Tiefziehen Endprodukte nicht aus mehreren Teilen zusammengeschweißt, sondern aus einem einzigen Metallteil geformt werden. Der Vorteil beziehungsweise das Alleinstellungsmerkmal: Die Stücke weisen keine Schweißnähte auf und sind damit stabiler, weil jede Naht eine potenzielle Schwachstelle ist, bei der Risse entstehen können.

Metall mit Wasser verformen

Beim konventionellen Tiefziehen wird mit hydraulischen Pressen gearbeitet, die die Zuschnitte aus Stahl, Edelstahl und Aluminium schnell und gleichförmig in eine vorgegebene Form bringen. Diese hocheffiziente Bearbeitungstechnik eignet sich vor allem für hohe Stückzahlen mit hohen technischen Anforderungen in puncto Genauigkeit, Geometrie und Wandstärke.

Sind komplexere Geometrien gewünscht, wird die Spezialvariante des hydromechanischen Tiefziehens angewandt. Dabei wird das Blech mittels Wasser und Hochdruck umgeformt. Und dann wäre da noch das Metalldrücken. Man kann sich das wie eine Drechselmaschine – nur für Metalle – vorstellen.

Nähte als Schwachstelle

Durch Drücken, Drehen, Tiefziehen und Pressen werden aus Blechscheiben runde und ovale Hohlkörper oder Formteile. Je nach geforderter Präzision, Seriengröße und Dimension des Teils kommen dabei Handdrückmaschinen oder seit 1995 CNC-gesteuerte Maschinen zum Einsatz. Augen-, Hand- und Gehörschutz sind an manchen der Stationen bei Bearbeitungstemperaturen von bis zu 800 Grad aber dennoch Pflicht.

Radkesburger Metal Forming
Bei Radkesburger Metal Forming produziert man Spezialteile unter anderem für Autos, Züge, Lautsprecher und Satellitentanks.Foto: RMF

Zehn der insgesamt 95 Mitarbeiter:innen bei der Radkersburger Metal Forming sind derzeit als Metalldrücker beschäftigt, darunter mit Franz Schmoll und Gerhard Legenstein auch „Urgesteine“, die seit über 40 Jahren im Betrieb sind. Sie haben den Wandel mitgemacht von der reinen Handdrückerei zu halb- oder vollautomatisierten Maschinen, mit denen heute hochkomplexe Prototypen, Werkzeuge und Spezialkomponenten hergestellt werden.

Heliumtanks für Raumfahrt

„Die Materialien haben sich geändert, die Möglichkeiten vergrößert“, vergleicht Schmoll das Damals, als 1982 die ersten Lehrlinge ausgebildet wurden, mit dem Heute, wo auch auf Spezialwünsche eingegangen wird und auf Basis von Skizzen die benötigten Teile konstruiert und auch in Mischformen der genannten Bearbeitungstechniken produziert werden.

Die Kundenliste reicht von der Automobil- und Elektronikindustrie (Lautsprecherboxen, Designlampen) über die Medizintechnik bis hin zu Nischenproduzenten. So entwickelt und produziert man in Radkersburg auch Teile für Heliumtanks in der Raumfahrt, Bremszylinder von Zugfahrgestellen oder Druckspeicher für Lawinenairbags.

Karriere mit Lehre möglich

Mit verstaubter Tradition haben die Berufsfelder also nichts zu tun, vielmehr gelten die Facharbeiter als wichtige Stützen des südsteirischen Unternehmens. „Einen Drücker gibt man nicht her“, bestätigt Geschäftsführer Stefan Wiery die universelle Einsetzbarkeit der Spezialisten. Die entsprechende Ausbildung dauert drei Jahre und kann in Kombination mit einem anderen (artverwandten) Beruf auf vier Jahre verlängert werden.

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Seit über 40 Jahren werden bei Radkersburger Metal Forming Lehrlinge ausgebildet.Foto: RMF

Bereits seit 1982 werden im Unternehmen Lehrlinge ausgebildet. Aktuell sind drei Jungfacharbeiter, die gerade erst ihre Ausbildung abgeschlossen haben, sowie vier Lehrlinge in den Bereichen Metalldesign, Metalltechnik und Werkzeugbautechnik beschäftigt. „Durch die Vielseitigkeit von Metall und Bearbeitungsmöglichkeiten kann die Lehre speziell auf das Können und Interesse der Lehrlinge angepasst werden“, wirbt Wiery. Die interne Karriereleiter steht dem Nachwuchs jedenfalls offen. Ein ehemaliger Lehrling arbeitet heute beispielsweise als Entwicklungsleiter.

Credits Artikelbild: RMF
Lichtblick

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